Was ist eigentlich „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“?

Der Begriff "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" kommt aus der Vorurteilsforschung.

Eine Gruppe von Forscher*innen der Universität Bielefeld untersucht seit Ende der 90er Jahre die Einstellungen gegenüber einer Reihe ganz unterschiedlicher Gruppen in Deutschland. Der gemeinsame Kern davon ist eine "Ideologie der Ungleichwertigkeit", dass also die Gleichwertigkeit und Unversehrtheit der Gruppen in Frage gestellt wird.

Eine zehnjährige Langzeitstudie über die "Deutschen Zustände" ergab, dass diese Einstellungen in allen Bevölkerungsteilen weit verbreitet sind. Die untenstehende Grafik zeigt die von der Bielefelder Forschungsgruppe untersuchten Abwertungen.

Auch andere Forschungsprojekte, wie z.B. die sogenannten "Mitte-Studien" im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen, dass undemokratische Vorurteile und Einstellungen keineswegs nur an "Extremistischen Rändern" der Gesellschaft vorkommen.

Die Elemente des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Durch einen Mausklick auf die einzelnen Begriffe erfahren Sie, wie wir die einzelnen Elemente der Gruppenbezogenen Menschenfeindlich definieren und in welchem Ausmaß diese Einstellungen jeweils in der deutschen Bevölkerung zu finden sind. Zur Methode der Messung finden Sie hier nähere Informationen. Eine Reihe von Downloads zu einzelnen Elementen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlich (z.B. Antisemitismus, Langzeitarbeitslose) findet sich unter: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/ .

Fremdenfeindlichkeit

Fremdenfeindlichkeit ist die Abwertung von Menschen, die als ethnisch oder kulturell 'fremd' oder 'anders' kategorisiert werden. Hier geht es um die Wahrnehmung von Konkurrenz um knappe, materielle Ressourcen (z.B. Arbeitsplätze, Wohnraum) und eine als bedrohlich wahrgenommene kulturelle Differenz (z.B. in Werten, Lebensweisen). Wichtig zu betonen ist, dass es hierbei immer um subjektive Wahrnehmungen geht. Eine ganz andere Frage ist es, ob Menschen, die als 'Fremde' eingeschätzt werden, sich tatsächlich so sehr von der jeweiligen Mehrheit unterscheiden.

Im Erhebungsjahr 2010 stimmten 49% der befragten Deutschen der Aussage "Es leben zu viele Ausländer in Deutschland" "eher" oder "voll und ganz" zu (2002: 55%). Der Forderung, die Ausländer in ihre Heimat zurückzuschicken, wenn die Arbeitsplätze knapp werden, stimmen rund 24% zu (2002: 28%). In den vergangenen Jahren war das Ausmaß fremdenfeindlicher Einstellungen leicht zurückgegangen. In 2010 deutet sich jedoch eine erneute Trendwende an.

Rassismus

Rassismus umfasst jene Einstellungen und Verhaltensweisen, die Abwertungen mit einer konstruierten "natürlichen" oder 'biologisch fundierten' Höherwertigkeit der Eigengruppe bzw. einer Minderwertigkeit einer identifizierten Fremdgruppe begründen. Als Element der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit erfassen wir nur diese klassische Form von Rassismus. Modernere Varianten werden in unregelmäßigen Abständen erfasst. Eine Übersicht über verschiedene Ausdrucksformen des Rassismus findet sich z.B. hier: http://www.migration-boell.de/web/diversity/48_2527.asp

In 2010 sind 11% (2002: 16%) der befragten Deutschen der Ansicht, "die Weißen sind zu Recht führend in der Welt". 19% (2002: 22%) meinen, "Aussiedler sollten aufgrund ihrer deutschen Abstammung besser gestellt werden als Ausländer". Das Ausmaß von Rassismus stagniert weitgehend seit 2002 mit leicht abfallender Tendenz.

Antisemitismus

Antisemitismus definieren wir als feindselige Mentalität gegenüber Juden in all seinen Facetten. Neben klassischen Varianten des Antisemitismus, die traditionelle Stereotype und Konspirationsmythen umfassen, erheben wir in unregelmäßigen Abständen auch transformierte Facetten. Hier werden antisemitische Einstellungen über Umwege kommuniziert, z.B. über eine antisemitische Kritik an Israel oder unter Bezug auf den Holocaust. Antisemitische Konspirationsmythen vertreten in 2010 rund 16% der Deutschen, indem sie der Aussage zustimmen: "Juden haben in Deutschland zuviel Einfluss."(2002: knapp 22%). 12,5% (2002: knapp 17%) stimmen der Aussage zu: "Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihrer Verfolgung mitschuldig." Antisemitismus in seiner traditionellen Ausprägung hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Allerdings beobachten wir seit 2008 einen erneuten, leichten Anstieg. Das Niveau liegt insgesamt allerdings immer noch unter dem von 2002. Ein signifikanter, erneuter Anstieg ist vor allem bei Israel-bezogenem Antisemitismus zu beobachten. 38% (2004: 44%; 2006: 30%; zuvor nicht erfasst) der Deutschen stimmen in 2010 zu: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden". 57% (2004: 68%; 2006: 42%) meinen: "Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser." Eine nähere Beschreibung unterschiedlicher Facetten von Antisemitismus und ihr Ausmaß in Deutschland finden sich u.a. hier:

http://www.bpb.de/themen/CTEAZV,0,Antisemitismus_in_Deutschland.html
http://www.migration-boell.de/web/diversity/48_2171.asp
Weitere Downloads unter: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/

Islamfeindlichkeit

Islamfeindlichkeit benennt ablehnende Einstellungen gegenüber Muslimen, ihrer Kultur und ihren öffentlich-politischen wie religiösen Aktivitäten. Wie bei den anderen Elementen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit geht es hier um pauschalisierende Bewertungen, stereotypenbasierte Unterstellungen, die übertriebene Vermutung kultureller Differenzen und das Anlegen eines doppelten Standards. Derzeit vermischen sich in islamfeindlichen Einstellungen religiöse, kulturalistische, rassistische und sozial-ökonomische Argumentationsmuster. Negative Einstellungen gegenüber Muslimen haben im vergangenen Jahr wieder deutlich zugenommen, so dass sich nach einem leichten Absinken nun wieder ein ähnliches Ausmaß wie zu Beginn unserer Studie in 2002 beobachten lässt. In 2010 befürworten wie in 2003 (zuvor nicht erfasst) 26% der Deutschen einen Ausschluss von Muslimen, indem sie der Aussage zustimmen: "Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden". Das Gefühl, sich durch die Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen, hat von 2003 (31%) auf 2010 (39%) zugenommen.

Weitere Downloads unter: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/

Resentment against newcomers

Resentment against newcomers describes giving preference to the established over newcomers, whatever their origins. This obviously violates the principle of equality of different groups. The concept of resentment against newcomers is based on The Established and the Outsiders by Norbert Elias and John L. Scotson, who observed how newcomers in a region are treated like "foreigners" from another country. Our data demonstrate a close connection between anti-immigrant attitudes and resentment against newcomers. In 2010 almost 65 percent of surveyed Germans agreed that "a newcomer should be content with less at first" (2002: 58 percent). 38 percent of interviewees said that the established should have more rights than newcomers (2002: 41 percent). From a comparatively low figure in 2009, resentment against newcomers rose sharply in 2010 to reach the highest level since the survey began in 2002.

Sexismus

Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des Mannes und die Befürwortung einer traditionellen Rollenverteilung zu Lasten der Gleichwertigkeit von Frauen. Weil es sich hierbei nicht, wie bei den anderen Gruppen, um die Ungleichwertigkeit einer zahlenmäßigen Minderheit handelt, stellt der Sexismus im Sinne einer Abwertung von Frauen einen Sonderfall dar. Wie auch beim Rassismus, tritt Sexismus nicht nur in seiner klassischen Variante auf, sondern in vielen modernen Spielarten. Dazu gehört etwa die Verleugnung bestehender Ungleichheiten und die Überbetonung individueller Möglichkeiten bei einer gleichzeitigen Ignoranz gegenüber strukturellen Gegebenheiten zuungunsten von Frauen. Der klassische Sexismus ist seit 2002 rückgängig. Die Rückverweisung der Frau in die Rolle als Ehefrau und Mutter hat von 29% in 2002 auf 20% in 2010 abgenommen. Die Forderung, als Karrierehelferin des Mannes zu fungieren und eigene Ambitionen zurückzustellen ist von knapp 19% in 2002 auf 14% in 2010 gesunken. Generell scheint das Bewusstsein für Chancenungleichheit gestiegen zu sein. So empfanden in 2002 nur 55% der Befragten die Diskriminierung von Frauen als ein Problem, in 2008 (danach nicht erfasst) waren dies fast 70%. Zudem erkannten in 2002 nur knapp 58% der Befragten in der Beschäftigungspolitik eine Benachteilung von Frauen, in 2008 (danach nicht erfasst) stieg die Zahl auf 75%.

Homophobie

Homophobie bezeichnet feindselige Einstellungen gegenüber Homosexuellen aufgrund eines "normabweichenden" sexuellen Verhaltens und die Verweigerung gleicher Rechte. Das Ausmaß abwertender Einstellungen gegenüber homosexuellen Menschen ist seit 2002 rückläufig. In 2010 empfanden es noch 26% (2005: 35%; zuvor nicht erfasst) als "ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen." 25% sprechen sich 2010 nach wie vor gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus, in 2005 waren dies allerdings noch 42%. Noch immer verurteilen 16% Homosexualität als unmoralisch.

Abwertung von Behinderten

Abwertung von Behinderten bezeichnet feindselige Einstellungen gegenüber Menschen mit körperlichen oder geistigen Besonderheiten, die dadurch als von einer "Normalität" abweichend betrachtet werden. Dazu gehört auch die Unterstellung und Ablehnung von "zu viel" Unterstützung dieser Menschen. Gegenüber behinderten Menschen ist die Abwertung mit Blick auf alle Aussagen nahezu stagnierend, mit leicht abfallender Tendenz. In 2010 betrachten knapp 9% viele Forderungen von Behinderten als "überzogen"; in 2005 (davor nicht erfasst) waren es noch 15%. 7% der Befragten meinen, für Behinderte würde in Deutschland zu viel Aufwand betrieben (2005: 8%). 6% (2005: 7,5%) sind der Meinung, Behinderte erhielten zu viele Vergünstigungen.

Abwertung von Obdachlosen

Abwertung von Obdachlosen zielt in feindseliger Absicht auf jene Menschen, die Normalitätsvorstellungen eines geregelten Lebens nicht nachkommen. Die Abwertung wohnungsloser Menschen ist seit 2002 insgesamt nahezu unverändert. In 2010 sind 31% (2005: 35%; zuvor nicht erfasst) der Ansicht: "Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden.", man solle "bettelnde Obdachlose [..] aus den Fußgängerzonen [entfernen]." 34% (2005: 39%) empfanden in 2010 Obdachlose in den Städten als unangenehm. Ein leichter Anstieg von knapp 23% in 2005 auf 28% in 2010 findet sich bei der Unterstellung, die meisten Obdachlosen seien "arbeitsscheu".

Abwertung von Langzeitarbeitslosen

Langzeitarbeitslose wurden im Jahr 2007 als weitere Gruppe, die von Abwertung betroffen ist, berücksichtigt. Diese Gruppe wird unter dem Gesichtspunkt mangelnder Nützlichkeit für die Gesellschaft in den Fokus der Abwertung gerückt. Eine längerfristige Aussage über die Entwicklung der Abwertung von Langzeitarbeitslosen ist derzeit nur begrenzt möglich, da dieses Element erst 2007 in das Syndrom aufgenommen wurde. Seitdem haben sich die negativen Einstellungen gegenüber langzeitarbeitslosen Menschen kaum verändert. In 2010 fanden es 59% (2007: 61%) empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen. 47% (2007: 49%) unterstellten den meisten Langzeitarbeitslosen "nicht wirklich daran interessiert" zu sein, "einen Job zu finden".

Weitere Downloads unter: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/